Nehmen wir einmal an
Der Tag hat 24 Stunden
Die Stunde hat 60 Minuten
Die Minute hat 60 Sekunden
Wie lange dauert dann der Tod?
Der seltsame Moment, in dem ihre Finger den noch nassen Zement berührten, glich einem Ritual welches die neue Ordnung besiegelte. Der graue Geruch stieg ihr in die Nase und eine seltsame Erregung nahm von ihr Besitz, ein Adrenalinstoß, wild und doch gleichzeitig beherrscht. Es ist das Gefühl derer die führen, derer welche mehr zu tragen haben als die Last der eigenen Verantwortung, es ist das Wissen darum, nun selber die letzte Instanz, nicht bloß Hüter, sondern der Urheber der Gesetzte zu sein. Es war der intensive und zugleich lustvolle Schmerz, welchen alle Menschen früher oder später verspüren, jedoch nicht in dieser Intensität oder stärke: Es ist der Schmerz sich lösens, des selber Figur – kurz des Erwachsen Werdens.
Natürlich hatte sie schon früher die Verantwortung übernommen, doch nun hatte sie – sie wusste das Gefühl nicht sogleich zu benennen – nun hatte sie Sinn? Macht? und das kühle, feuchte Grab unter dem die Bretter der Holzkiste leise zu knarren begonnen hatten, wich nun einer neuen Zeit.
„Tod ist Wiedergeburt”, so schon Hesse, die Rollen sind stehst die gleichen, nur die Schauspieler ändern sich.
Auf dem halb versteinerten Garten („in” war inzwischen die falsche Konjunktion) fosilisierte Jack stoisch vor sich hin. Ohne die Augen von der schon vor Tagen geronnen Steinmassen zu wenden, hatte er etwas von den riesigen Tiefseeschnecken an sich, welche vor einigen Millionen Jahren den Grund des Ozeans bevölkerten. Ebenso wie diese spürte er das Ende einer Ära und zog sich, wie es seine spirituellen Urahnen getan hatten, in das Zentrum seines spiralförmigen Hauses zurück, um die Veränderung der Strukturen zu beobachten und sich, wenn nötig anzupassen. Der Fixpunkt seines Gedankenorbits war weder sein schon länger verstorbener Zeuger, noch die Frau, welche ihre letzte Ruhe vor ungefähr einer halben Stunde Ruhe circa sieben Meter unter seinem Gesäß gefunden hatte. Jack beschäftigte sich nicht mit der Frage, wie es denn nun weitergehen würde, die zu tuenden Dinge, die Aufgaben die vor ihm lagen tauchten nur schemenhaft am Ereignishorizont der Welt auf, welche sich hinter seinen Augen auftat. Zurzeit verdichtete sich alles auf einen Punkt, der inzwischen, ob seiner Masse und seiner daraus resultierenden Anziehungskraft, die Ausmaße eines schwarzen Lochs annahm, in das alles ihn umgebende hinein fiel, um unerwartet eines Tages andern Ortes wieder aufzutauchen. Dieser Punkt welcher der Expansion des Universums, wie eine Naturgewalt entgegenwirkte befand sich in der Lendengegend und hatte auf schwer erklärliche weise etwas mit der Art zu tun, wie Julie sich über die Blechkiste gebeugt hatte, wie sie sich an ihm vorbei schob oder seine Hand ihre nackten Schultern streifte…
Jack ließ sich auf den Rücken fallen. Wolken verklebten den Himmel wie nasse, steinige Watte und der ihn umgebende Beton, war von einer harten Reizlosigkeit, an der man sich immer wieder aufzureiben sucht, die jedoch schlussendlich keine Stimulation für Geist und Sinne bieten kann.
Trotz Jacks augenscheinlicher Gleichgültigkeit, macht der Tod, in welcher Form auch immer etwas mit den Menschen. Auch wenn die Frau, die drei Tage reglos und unbeerdigt in einem Bett im Elternzimmer des Hauses verbracht hatte, von Jacks mentaler Bildfläche verschwunden war, ist das noch lange kein Grund anzunehmen ihr Tod, oder zumindest der Tod im allgemeinen, hätte nichts in ihm ausgelöst. Nun da er schlief, stiegen vom Grunde des Ozeans seiner Seele (wenn man denn die von Glibber und Gehirnflüssigkeit umplätscherte
Masse aus unbeachteten, vergessenen, verdrängten und Zähflüssigen Emotionen und Gedanken so bezeichnen möchte) träge Gedankenblasen auf, welche, an der Oberfläche seines Bewußtseins zerplatzten und ihren nach Salz, Algen und Tang riechenden Inhalt in die Nebelige Atmosphäre freigaben.
Die daraus entstehenden Traumbilder hatten ihre Schauplatz meist im Haus, im zementüberflossenen Garten, einem noch nie zuvor gesehenem weißen Strand, welcher sich ins Unendliche zu erstrecken schien oder in der Schule und waren alle von einer unbehaglichen Grundstimmung der Schuld, des etwas vergessen Habens unterlegt. Einen Moment lang schlug Jack die Augen auf und in ihm sublimierten sich alle Gedanken, welche nach der Ebbe der Traumflut auf dem Strand vertrocknet zurückgeblieben waren.
Hier ist eine Kurze Wiedergabe des Gedankenkrieg, welcher in all der Unerbittlichkeit einer Naturkatastrophe zwischen Jacks Ohren wütete, und seiner Leichen, welche er auf dem Schlachtfeld hinterlassen hatte:
Der Tod ist , in all seinen Facetten, doch nicht mehr oder weniger als der Status quo, da leben aus nichts kommt und zu nichts führt, wir kommen aus dunkel, um ins dunkel zu gehen (Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht). Das ist sozusagen die philosophische Version des Energieerhaltugssatzes: Der Energieerhaltungssatz sagt aus, dass die Gesamtenergie eines abgeschlossenen Systems nicht verändert werden kann. Durch Prozesse, die ausschließlich innerhalb des betrachteten Systems stattfinden, kann Energie zwischen Energieformen umgewandelt werden. Wenn vor der Geburt und nach dem Tod nichts ist, so gibt es nichts, am allerwenigsten leben. Es heißt oben, dass die Energie umgewandelt werden kann, also müsste das Leben nur eine verfremdete Darstellung des Nichts sein, wie wenn man statt 0 1-1 oder 8²-4+11-35×2-1 sagt.
Leben und Tod, sind ein Perpetuum Mobile, das einzig mögliche sogar, denn es besteh aus nichts anderem als sich selbst, es ist ein in sich geschlossenes System, dass keinen anderen Schluss als den eben genannten zulässt. Die Mathematik und vielleicht auch die Physik sind, auf Grund ihres höchsten Abstraktionsgrades, die einzig möglichen Ansätze zum Verständnis von leben und Tod. sieht man genauer hin, dann ist zu erkennen, dass Philosophie, der Mathematik entspricht, lediglich einen anderen Bereich der gemeinsamen Abstraktionsebene definiert, bzw. beinhaltet, Physik jedoch mit Ethik untrennbar verknüpft ist. sowohl Physik, als auch Ethik sind Anwendungen, der oben genannten höchsten Abstraktion namentlich Mathematik und Philosophie), sie beschreiben unsere Welt, soweit dies möglich ist anhand von verallgemeinerbaren Modellen
Leben ist also nur ein Teil eines ganzen, dass sich selber aufhebt, also ein Teil des Nichts. Es stellt sich die frage: was sind / ist der / die andere(n) Teil(e)? Heißt dass, dass das Universum, da (falls) es geboren wurde auch sterben muss? Lässt sich das mit der Idee der Unendlichkeit vereinbaren? braucht es keine Energie um aus Null Eins und Minuseins zu machen? wenn ja, dann Gott?
Wenn diese Theorie stimmt, dann ist der Tod der Anfang, das Ende und die Mitte des Kreises, dann heißt Tod Vollkommenheit.
Zwei Komma drei Sekunden später war Jack wieder in einem tiefen, wenn auch nicht seligen Schlaf verfallen.
So fand ihn Julie, als die Schatten schon mit ihren fahrigen Finger seinen Körper betasteten.
JULIE: Jack.
JACK: (öffnet ein Auge) mhhm… (räkelt sich auf dem Boden)
JU: Jack
JA (sie betrachtend) : lacht
JU (ist mit Zementstaub bedeckt, ebenso wie Jack, grinst las sie an sich herunterschaut): Komm rein.
JA: Komm raus.
JU: Wieso?
JA: So halt.
JA: Die Kind- Susan und Tom müssen langsam mal ins Bett. Komm schon.
JA (erhebt sich mit einer Art linkischer Elganz)
JA: hat Tom eigentlich gesehen dass wir sie-?
JU: Nein.
Die beiden stehen da, Siluetten vorm graublauen Himmel, und der Außenstehende hat das Gefühl, als ob diese Welt, um ihren Zustand zu erhalten, von den umstehenden Ruinen in Glas gegossen wird, es scheint fast so als sei ein kaum merklicher Geschmack nach Formaldehyd in der Luft liegt, welche unbemerkt zu Füßen von Homo und Lupus, das „sapiens” bleibt in beiden Fällen fragwürdig, schwelgt.